Steffen: «Gegen den FCZ zählt nur der Sieg»

1. März 2017 | Von | Kategorie: Interviews, News, Top News, Vorschau

Renato Steffen polarisiert nicht nur die FCB-Fangemeinde, sondern die ganze Fussballschweiz. Rotblau hat sich vor dem ersehnten Cupspiel gegen den FCZ mit dem Aargauer Flügelflitzer getroffen.

Als im Januar 2016 der Wechsel von Renato Steffen zum FC Basel feststand, kochte die Basler Fanseele. Steffen wurde zum Sinnbild der modernen Transferpolitik, mit welcher sich einige FCB-Fans nicht mehr anfreunden konnten. Zudem gilt er als Heisssporn und fiel mit Aktionen bei seinen Spielen gegen Basel immer wieder auf. Ein Jahr später hat Rotblau die Möglichkeit erhalten, sich mit dem 25-jährigen Aargauer zu unterhalten.

Rotblau: Mit 21 Jahren hattest du bereits mehrere Fussball-Jahre bei den Amateur-Vereinen Schöftland und Solothurn verbracht. Ganz ehrlich: Glaubt man da noch an die Super League?

Steffen: Ich hatte mir als junger Fussballer das Ziel gesetzt, es bis 23 in die Super League zu schaffen. Der Traum war deshalb für mich mit 21 immer noch greifbar und ich glaubte daran, dass ich ihn verwirklichen kann.

Du hast ein paar Jahre als Junior bei Aarau verbracht. Hättest du es bei einem anderen Verein schneller geschafft, Profi-Fussballer zu werden?

Das ist natürlich schwierig zu sagen. Allerdings habe ich das Gefühl, dass es für meine persönliche Entwicklung gut war, einen Umweg zu machen. Deshalb denke ich nicht unbedingt, dass ich bei einem anderen Verein schneller weitergekommen wäre.

Der letzte FCB-Spieler mit einem ähnlichen Weg war Beni Huggel. Er wechselte mit 21 Jahren vom FC Arlesheim (2. Liga) direkt zum FCB. Siehst du da Parallelen?

Sein Transfer ist ein paar Jahre her. Da der Fussball damals anders war als heute, sind Vergleiche schwierig.

Ich persönlich finde es toll, dass es auch solche Karrieren immer wieder gibt. Viele junge Spieler in den Fussball-Akademien machen sich grosse Hoffnungen auf eine grosse Karriere. Da kann eine Welt zusammenbrechen, wenn du es dann nicht in die A-Mannschaft schaffst.

Unsere Beispiele zeigen, dass du es mit Wille und Glück auch über Umwege in den Profifussball schaffen kannst. Es wäre schön, wenn es noch mehr solche Beispiele gäbe.

Wo siehst du dich in zwei Jahren?
(Anm. der Red.: Steffens Vertrag beim FCB läuft mindestens bis Sommer 2019)

Ich bin glücklich hier und fühle mich sehr wohl. Ich habe keine Abwanderungsgelüste, denn ich weiss, was ich beim FCB habe. Es gibt keine Pläne, um wegzugehen.

Nach dem Wechsel zum FCB hast du angesprochen, dass du in die Region ziehen möchtest. Hast du mittlerweile eine Wohnung gefunden?

Nicht in Basel selbst, aber in der Region.

Was machst du in der Freizeit?

Ich versuche, viel mit meinen Kollegen zu unternehmen und auch meine alten Bekanntschaften zu pflegen.

Ich bin jemand, der auch einmal ein bisschen Action benötigt. Diese erlebe ich am liebsten beim Go-Kart fahren oder Paintball spielen. Im Gegenzug kann ich es aber auch mal locker angehen und mich zuhause auf dem Sofa ausruhen.

Treibst du auch privat noch Sport?

Tennis spiele ich ab und zu noch gerne, das letzte Mal mit meinem besten Kollegen. Ich mache das aber definitiv nur zum Hobby und Ausgleich.

Ende 2015 hast du dich gegen eine Vertragsverlängerung bei YB entschieden. Anschliessend durftest du nicht mehr mit der 1. Mannschaft trainieren und es war noch nicht klar, ob und bei wem du unterschreiben wirst. Wie ist das genau für dich abgelaufen?

Das war wirklich keine einfache Situation. Einerseits wollte ich mit dem Team Fussball spielen, denn ich hatte es gut mit der Mannschaft. Dann kam der Entscheid von oben, dass ich nicht mehr mit der 1. Mannschaft trainieren durfte.

In dieser Situation kannst du als Fussballer nicht viel ausrichten. Die Ungewissheit ist eigentlich das schlimmste an der Situation. Ich hätte schon noch ein halbes Jahr bei YB gehabt. Aber es war mir klar, dass ich nur mit der 1. Mannschaft spielen möchte oder einen neuen Verein finden muss.

Wie gehst du mit «Freunden» um, die sich während deines Karrieretiefs nie gemeldet hatten und jetzt auf einmal Champions-League-Tickets möchten?

Das gibt es tatsächlich. Ich versuche trotz allem, freundlich zu bleiben. Und ich frage sie, wo sie vor ein paar Jahren gewesen sind. Dann wird den meisten klar, dass ihre Anfrage nicht in Ordnung ist.

Wie schnell bist du über 100 Meter?

Uff, das weiss ich gar nicht. Wir müssten das wieder einmal messen. Ich kenne nur ein paar Daten von den GPS-Messgeräten aus den Spielen, 100 Meter habe ich aber seit der Schule nicht mehr gemessen.

Es sieht ja jeder, dass ich nicht so langsam bin (lacht).

Neben dem FCB hat auch YB ein starkes Team. Weshalb hat es für YB immer noch nicht zu einem Titel gereicht?

Als ich nach Basel gekommen bin, habe ich teilweise schon eine andere Mentalität gespürt. Ob in den Trainings oder in den Spielen: Jeder will einfach gewinnen. Das Gewinnen wird dir richtig eingeimpft.

In den einzelnen Spielen erzwingt der FCB mit dem Willen und der individuellen Klasse oft das Glück. Dies hat man auch in der Vorrunde ab und zu gesehen, als wir nicht immer so gut waren.

Wenn du einen Spieler zum FCB holen dürftest, wen würdest du verpflichten?

Wenn ich frei wählen könnte, wohl Cristiano Ronaldo.

Und wenn wir eine für den FC Basel realistische Wahl treffen müssten?

Dann würde ich Sanogo von YB wählen. Seine Spielweise gefällt mir gut. Er ist enorm zweikampfstark und setzt sich für jeden Ball ein. Ich habe im Training nie gerne gegen ihn gespielt (lacht).

Wie unterscheidet sich der FCB-Trainer Urs Fischer von Nati-Coach Vladimir Petkovic?

In erster Linie hat Petkovic ein anderes Spielsystem als Fischer. Ansonsten ist ein Vergleich schwierig.

Ich verstehe mich mit beiden Trainern gut; Urs Fischer kenne ich natürlich schon etwas länger. Für Petkovic ist sicher nicht einfach, dass wir selten zusammen trainieren. Zudem ist der Konkurrenzkampf in der Nationalmannschaft noch grösser als beim FC Basel.

In der TagesWoche hast du über die Champions League gesagt: «Wenn wir das schaffen, wird es ein Höhepunkt sein, ein Kindheitstraum, der in Erfüllung geht». Wie siehst du das heute – nach einer eher schwierigen Kampagne?

Ich konnte alle Spiele geniessen, die ich spielen durfte. Ehrlich gesagt hätte ich mir gedacht, dass ich nervöser wäre. Sogar gegen Arsenal und PSG war ich relativ ruhig. Trotzdem habe ich gemerkt, dass mir etwas die Erfahrung fehlt. Als Spieler spürst du, dass die Champions League ein anderes Niveau als die Europa League hat.

Für mich fühlte sich diese Kampagne wie ein Lernprozess an, aus dessen Erfahrung wir beim nächsten Mal schöpfen müssen. Hoffentlich werden wir dann in gewissen Situationen anders reagieren.

Dein Einstieg bei den FCB-Fans war schwierig. Wie bist du mit der Situation umgegangen?

Die sozialen Medien (Anm. der Red.: Steffen ist u. a. auf Facebook und Instagram aktiv) habe ich für eine gewisse Zeit nicht mehr beachtet. Ich habe in erster Linie darauf geschaut, dass ich im Team gut ankomme und die einzelnen Spieler kennen lernen kann.

Glücklicherweise hat mich die Mannschaft im Trainingslager sehr gut aufgenommen. Es gab keine Vorurteile gegen mich und wir haben uns schnell verstanden. Ich denke, dass ich gerade deshalb schnell gute Leistungen zeigen konnte. Für mich ist es sehr wichtig, dass ich mich in einem Team wohlfühlen kann.

Nach einer gewissen Zeit habe ich meine Online-Profile wieder aktiviert und geschaut, wie die Reaktionen waren. Ich versuchte, mit den Fans in Kontakt zu treten und zeigte mich bereit für konstruktive Gespräche.

Wie ist die Konkurrenzsituation mit den anderen Spielern?

Manchmal kann es schon ein bisschen laut werden. Aber das gehört einfach dazu. Schlussendlich ist der Konkurrenzkampf auch gut für dich selbst, weil du immer alles geben musst.

Das wichtigste für mich ist, dass ich nach den Trainings mit meinen Team-Kollegen lachen kann, auch wenn es während den Trainings einmal hektisch wird.

Wenn du etwas in der Vergangenheit ändern könntest, was wäre es?

Nicht viel. In gewissen Situationen würde ich vielleicht anders reagieren; vor allem ruhiger sein. Damit meine ich auch die schwierigen Momente damals bei Thun oder YB. Für mich persönlich ist es aber gut so, weil ich daraus gelernt habe.

Aber die impulsive Art gehört doch auch zu deinem Spiel?

Das stimmt schon. Ich habe mich immer auf das Fussballspielen konzentriert. Wenn ich einem Gegner nach einem Foul einmal nicht gleich einen Handshake gebe, dann heisst das nicht, dass ich unsportlich bin oder provozieren möchte. Es zeigt einfach, dass ich mich extrem auf das Spiel konzentriere.

In der Vorrunde habe ich vielleicht zu viel geschaut, dass ich mich nicht zu schlecht präsentiere. Ich habe aber bemerkt, dass ich mein Image auf dem Spielfeld damit nicht mehr ändern kann. Und eigentlich bin ich ja auch dank meiner Art so weit gekommen. Deshalb versuche ich mich wieder mehr, auf meine Stärken zu besinnen.

Was musstest du Taulant Xhaka bieten, damit er mit dir das Zimmer im Trainingslager teilt?

War das nicht umgekehrt? Vielleicht musste er ja etwas bieten (lacht). Ich lasse ihn einfach im Fifa gewinnen (Anm. der Red.: Xhaka und Steffen spielen gerne Fifa auf der PlayStation gegeneinander), dafür lässt er mich nachts schlafen.

Im Ernst: Das hat sich einfach so ergeben, wir verstanden uns auf Anhieb gut. Wir sind beide auf dem Feld etwas hitziger, aber wir lassen diese Emotionen auf dem Feld. Privat sind wir eher ruhige Typen und hatten nie Probleme miteinander. Manchmal witzeln wir sogar über die damalige Szene beim Spiel YB-FCB.

Wie erlebst du Bernhard Heusler?

Ich sehe ihn zwischendurch beim Mittagessen mit der Mannschaft. Vor ein paar Tagen habe ich mit ihm zusammen ein Interview bei einem Unternehmen gegeben. Man hört und sieht sich also ab und zu.

Er ist eine echte Persönlichkeit und gleichzeitig ein herzlicher Mensch. Du merkst, dass er den Fussball liebt. Er steht hinter deinem Team und lässt dich das spüren. Jeder Spieler, den du fragen würdest, würde ihn wohl den perfekten Präsidenten nennen.

Was möchtest du der Muttenzerkurve auf den Weg geben?

Ich erwarte nicht, dass sie mich lieben. Sie müssen auch nicht meinen Namen schreien. Aber sie sollen wissen, dass ich für den Verein alles gebe und für meine Teamkollegen da bin.

Urs Fischer wurde in den letzten Wochen in den Medien teils hart kritisiert. Wie erlebt man das als Spieler?

Ich lese manchmal am Morgen Zeitung und bekomme es schon mit. Wir können die öffentliche Meinung nur beeinflussen, indem wir alle das beste geben. Solange er Erfolg hat, gibt er ihm eigentlich recht.

Schliesslich läuft es halt so wie mit den Spielern. Verträge laufen aus, Verträge werden verlängert. Es kommen Spieler, es gehen Spieler. Wir alle kennen das Fussballgeschäft gut genug, sodass wir damit umgehen können.

Besten Dank für das Interview!

 

 

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